Kräftskiva: Das schwedische Krebsfest
Wenn im August die Nächte wieder länger werden und der schwedische Sommer langsam zu Ende geht, feiern die Schweden überall im Land Krebsfeste. Nach Mittsommer, das landestypischste aller schwedischen Feste. Kräftskiva nennen die Schweden das Krebsfest, bei dem sie Lampions und Girlanden aufhängen, sich bunte Papierhütchen auf den Kopf setzen und Kleckerlätzchen mit Krebsmotiven um den Hals tragen. Neben den Schalentieren zählen unsinnige Trinklieder und jede Menge Hochprozentiges zu den elementaren Bestandteilen des Krebsessens. Gefeiert wird am liebsten unter freiem Himmel.

Der Zeitpunkt des Festes hängt mit dem Entwicklungszyklus der Flusskrebse zusammen. Erst im August haben sich die Tiere gehäutet und einen neuen Panzer aufgebaut. Die Ursprünge des Krebsfestes gehen auf das 19. Jahrhundert zurück, als sich das Krebsessen von der Oberklasse ausgehend, langsam in allen Bevölkerungsschichten durchsetzte. Gesteigerte Nachfrage und die auftretende Krebspest führten zu einer massiven Dezimierung der einheimischen Flusskrebse. Anfang des 20. des Jahrhundert wurde daraufhin ein Fangverbot eingeführt. Um eine Überfischung zu verhindern, war bis Mitte der neunziger Jahre der Fang von Flusskrebsen nur von Anfang August bis Ende Oktober erlaubt. Außerdem hat man, um die Krebsfischerei wiederzubeleben, den aus Nordamerika stammenden Signalkrebs angesiedelt, der mittlerweile zur häufigsten Flusskrebsart in Schweden zählt.

Süßwasserkrebse erhält man heutzutage das ganze Jahr über in den Tiefkühlregalen der Supermärkte. Um die enorme Nachfrage in Schweden zu decken, werden die Krustentiere aus China, der Türkei, Spanien und den USA importiert. Der einheimische Flusskrebs gilt aber immer noch als am leckersten und ist eine begehrte Delikatesse. Allerdings ist er teurer als die Importware und aufgrund gesetzlicher Schutzbestimmungen auch schwerer zu bekommen. Das ganze Jahr zu kaufen gibt es die hummerähnlichen Meereskrebse “Havskräftor“ (deutsch: Kaisergranat), die vornehmlich an Schwedens Westküste auf den Tisch kommen und auch dort gefangen werden.

Kräftskiva in Schweden: Krebse fischen für das schwedische KrebsfestFlusskrebse sind Nachttiere und wer die kleinen Biester nicht tiefgefroren im Supermarkt oder frisch im Fischgeschäft kauft, der legt in der Abenddämmerung Reusen aus, um am nächsten Morgen zu schauen, wie der Fang ausgefallen ist. Zubereitet werden die Flusskrebse in einem Sud aus Salz, Zucker, Bier und viel Dill, in dem sie, lebend hineingeworfen, so lange gekocht werden, bis sie sprichwörtlich krebsrot sind. Die Schalentiere darf man besten Gewissens genießen, denn sie gelten als fettarme Delikatesse mit hohem Proteingehalt und wichtigen Spurenelementen.

Kräftskiva in Schweden: Freunde feiern das schwedische KrebsfestWenn auch gesund und lecker, viel Essbares ist nicht dran an so einem Krebs. Deshalb dienen meist Knäckebrot und Västerbottenkäse als Beilage. Nicht zuletzt deshalb, weil während eines Krebsessens auch reichlich Bier und Aquavit konsumiert werden. So schafft man sich eine tragfähige Grundlage. Gegessen wird von bunten Papiertellern mit Krebsmotiven, die es um diese Zeit überall zu kaufen gibt. Der Tisch ist voll mit gekochten Krebsen, es duftet nach Dill und zum Öffnen der Krustentiere liegt spezielles Besteck bereit.

Ein Krebs, ein Lied, ein Schnaps

Die Scheren abbrechen, das Fleisch heraus pulen, den Oberkörper ausschlürfen – ein Krebsessen ist keine geräuschlose Veranstaltung und kann Anfänger durchaus vor eine Herausforderung stellen. Ungeübte lassen schon mal ein Krebsteil durch die Gegend fliegen oder bespritzen den Tischnachbarn mit Wasser aus dem Inneren der Tiere. Das meiste Fleisch befindet sich im Schwanzteil des Krebses. Um das Schwanzfleisch herauszulösen, drückt man den Panzer zusammen bis er knackt. Danach lässt er sich einfach aufbiegen. Wer möchte, entfernt vor dem Verzehr noch die braunen Darmfäden.

Kräftskiva in Schweden: Freunde beim Krebse essen am schwedischen KrebsfestNeben dem gekonnten Umgang mit der gepanzerten Mahlzeit, sind Sangesfreude und Trinkfestigkeit bei der Kräftskiva gefragt. Das Krebsessen steht nämlich traditionell unter dem Motto: „Ein Krebs, ein Lied, ein Schnaps“. Dieser Dreierreigen setzt sich bis zum letzten Schalentier fort. Die meisten Stimmungslieder kennen die Schweden schon von Kindesbeinen an und können sie auswendig mitsingen. Oft werden aber auch kleine Songhefte am Tisch verteilt.

Keine halben Sachen

Sind alle Krebse vertilgt, bietet sich auf den Tellern ein martialischer Anblick. Dann häufen sich die leeren Krebspanzer zwischen zerknüllten Papierservietten mit den zu den Tellern passenden Krebsmotiven. Routinierte Krebsesser machen die Sache ordentlicher und drapieren die leeren Gehäuse auf ihren Tellern sauber im Kreis.

Kräftskiva in Schweden: Freunde singen das Lied Helan går beim schwedischen Krebsfest

Das Krebsfest wird meistens im Kreise der Familie oder privat mit Freunden gefeiert. Es ist der letzte Höhepunkt des Sommers. Das bekannteste Trinklied, das bei jeder Kräftskiva mit Sicherheit auch am häufigsten gesungen wird, ist “Helan går“. Das bedeutet so viel wie: „Das ganze Glas muss weg!“ Bei der Kräftskiva macht der Schwede nämlich keine halben Sachen.

 

Quellenangaben für verwendete Bilder:
Crayfishing: Björn Tesch/imagebank.sweden.se | Crayfish: Anders Ekholm/Folio/imagebank.sweden.se | Crayfish trap: Heléne Grynfarb/imagebank.sweden.se | Crayfish party: Carolina Romare/imagebank.sweden.se | Crayfish party: Björn Tesch/imagebank.sweden.se | Crayfish party: Miriam Preis/Visitsweden.com